Abstract Engel/Bretting, 3(2)

Themenbeitrag für Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung 2021 Jg. 3 Heft 2

Das gesellschaftspolitische Engagement der Erwachsenenbildungswissenschaft

von Nicolas Engel & Johannes Bretting

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Unter dem angeschlagenen Titel möchte der Beitrag die Politizität erwachsenenbildungswissenschaftlicher Wissensproduktion diskutieren.

Ein erster Anlass hierauf (erneut) zu blicken, besteht in einer veränderten gesellschaftlichen Lage, in der demokratiefeindliche und rechtsradikale Wissensansprüche (re-)formuliert werden und eine zunehmend offene Brutalität rassistischer und antisemitischer Gewalt, wie jüngst in Halle und Hanau, zu Tage tritt. Angesichts dieser Entwicklungen steht die Erwachsenenbildung(swissenschaft), sofern sie als untrennbar verwickelt mit Politik begriffen wird (z. B. Pongratz 2010; Holzer 2019), vor der Frage ihrer (politischen) Bildungsfunktion und -intention. Die wiederkehrende Anfrage an die politische Verfasstheit der Erwachsenenbildung kann sich aufgrund des diskursgeschichtlich konstatierten Spannungsfeldes von Wissenschaft, Praxis und Politik (z. B. Rosenberg 2018) kaum allein als praktische Frage diskutieren lassen (vgl. Faulstich & Zeuner 2015). Vielmehr scheint auch die wissenschaftliche Seite herausgefordert: Welche Rolle spielen normative und politische Ansprüche in der erwachsenenbildungswissenschaftlichen Wissensproduktion (z. B. Drees 2016; Ebner von Eschenbach 2019) und was bedeutet dies für das Wissenschaftsverständnis der Erwachsenenbildung (vgl. Kade, Nittel & Seitter 2007)?

Ein zweiter Anlass für die Diskussion der Frage nach der Politizität erwachsenenbildungswissenschaftlicher Wissensproduktion bildet die die gesamte Disziplin der Erziehungswissenschaft immerzu störende Frage nach der eigenen politischen Verfasstheit und Aufgabe (vgl. Ricken 2011; Zeuner, Kessl & Schmidt 2015)1. Diese wird etwa entlang einer angenommenen Ökonomisierung und Politisierung des pädagogischen Feldes als Frage nach den Bedingungen wissenschaftlicher Wissensproduktion (z. B. Radtke 2015; Faulstich & Zeuner 2015), als Frage nach dem Einfluss der Politik auf die erziehungswissenschaftliche Forschung (z. B. Kessl 2014, Forneck & Wrana 2005) oder als Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit einer politischen Bildung (z. B. Lösch 2020), die das Subjekt als politisch handelndes Subjekt ermächtigt, diskutiert. Diese Debatte rahmend leistet die bildungstheoretische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Bildung und Politik (Faulstich 2016) bzw. dem „Politischen“ (Casale, Koller & Ricken 2016) wichtige Erweiterungen des Blickfeldes. Die gegenstandstheoretische Einsicht nämlich, „dass das Politische nicht als äußere Bedingung der Bildung gegenübertritt, sondern ein für Bildungsprozesse konstitutives Moment kennzeichnet“ (Bünger 2013, S. 17), markiert die Möglichkeit einer Perspektive, die sich radikal der Annahme zuwendet, dass auch erziehungswissenschaftlichen Wissensproduktionen eine Politizität eigen ist (vgl. Ricken 2011; Schäfer & Thompson 2013; Bünger, Sanders & Schenk 2018; Engel 2020).

Ausgehend von diesen allgemeinen Überlegungen lässt sich bezüglich des Politischen in der Erwachsenenbildung(swissenschaft) eine Perspektive herausstellen, die das darin liegende Theorie-Praxis-Problem ins Zentrum der Überlegung stellt. Der Beitrag nimmt prominente Thematisierungen des Politischen in der wissenschaftlichen Erwachsenenbildung in den Blick und verbindet diese mit einer kritisch-kulturwissenschaftlichen Position, die das Politische als dialektisch mit Wissenschaft verbunden begreift.

Von hier aus lässt sich die These des Beitrags zugespitzt formulieren: wer von Erwachsenenbildungswissenschaft spricht, adressiert immer auch das Dazwischen von Wissenschaft und Praxis und kann dabei politisch nicht unschuldig sein, da sich das Politische genau hier konstituiert. Der Beitrag möchte diese These zunächst entlang ausgewählter Einsätze diskutieren, die das Politische der (Erwachsenen-)Bildung akzentuieren und/oder sich um Perspektiven und Potentiale des Politischen in der Erwachsenenbildung(swissenschaft) bemühen (z. B. Pongratz 2010; Faulstich 2015; Faulstich & Zeuner 2015; Holzer 2017; Ebner von Eschenbach 2019; Rosenberg 2018; Bremer & Trumann 2019). Im Nachvollzug der hier auffindbaren normativen und ideologiekritischen Bestimmungen des Verhältnisses von Bildung und Politik lassen sich Annahmen zur Politizität der Erwachsenenbildungswissenschaft (und der damit verbundenen Thematisierungen des Theorie-Praxis-Verhältnisses) in eine Linie bringen, die mittels übersetzungstheoretischem Vokabulars weitergezogen werden kann. Denn gerade angesichts der eingangs skizzierten aktuellen gesellschaftlichen Bedingungslage scheint die Arbeit an der erkenntnis-politischen Frage nach der Verantwortung von Erwachsenenbildungswissenschaft im Zeichen ihrer politischen Schuldigkeit vielversprechend (Engel 2019). Es stellt sich konkret die Frage, wie die wissenschaftliche Praxis der Wissensproduktion in die politischen Auseinandersetzungen, die sie in den Blick nimmt, verwickelt und damit selbst politisch engagiert ist. Weiterführend soll deshalb in einem zweiten Schritt das kulturwissenschaftlich-dekonstruktivistische Konzept der „Übersetzung“ sensu Homi K. Bhabha aufgerufen werden. Mit einem scharf eingestellten Begriff kultureller Übersetzung, der auf Subversion und Deplatzierung tradierter Grenzziehungen ausgerichtet ist, lassen sich einerseits wissenschaftliche Hervorbringungen von Wissen als Verhandlungen von politischer Macht, Autorität und Geltungsbegründung fokussieren. Andererseits erlaubt es das Konzept der Übersetzung auch, die wissenschaftliche Beschreibung selbst als Bestandteil dieser Verhandlung zu betrachten. Mit der auf Übersetzungen bezogenen Figur des „theoretischen Engagements“ bestimmt Bhabha (2007) in Abgrenzung und Fortsetzung zur ideologiekritischen Figur der Negation das Verhältnis von Wissenschaft und Politik als Verhandlung (negotiation), die die erkenntnis-politische Verwicklung der Wissenschaft mit der Praxis betont und die Vorstellungen einer Werturteilsfreiheit wissenschaftlichen Wissens problematisiert. In dieser Perspektive impliziert die erziehungswissenschaftliche Aufgabe einer Dekodierung sozialer Praxis immer normative Momente, die als Frage nach der politischen Schuldigkeit, nach der Wirksamkeit bzw. Autorität erziehungswissenschaftlichen Wissens sowie als Frage nach Verantwortung für soziale Praxis virulent werden (Engel 2020).

Im Lichtkreis dieser kritisch-kulturwissenschaftlichen Perspektiven lässt sich die wissenschaftliche Arbeit im Feld der Erwachsenenbildung und Organisationsforschung daraufhin beobachten, wie sich unter veränderten Bedingungen einer ‚Erziehung nach Auschwitz‘ (Andresen, Nittel & Thompson 2019) Erkenntnis und Politik zueinander positionieren oder bedingen: Wie übersetzt die erwachsenenbildungswissenschaftliche Wissensproduktion den Gegenstand in seiner politischen Verfasstheit und wie über-setzt sie sich dabei selbst als politisch?

Literatur

Andresen, S., Nittel, D. & Thompson, C. (2019). Erziehung nach Auschwitz bis heute. Aufklärungsanspruch und Gesellschaftsanalyse. Frankfurt am Main: Goethe Universität.

Bhabha, H. K. (2007). Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg Verlag.

Bremer, H. & Trumann, J. (2019). Das Unbehagen im Politischen und dessen Bedeutung für die politische Erwachsenenbildung. Bildung und Erziehung, 72 (2), 277–292.

Bünger, C. (2013). Die offene Frage der Mündigkeit. Studien zur Politizität der Bildung. Paderborn: Schöningh.

Bünger, C., Sanders, O. & Schenk, S. (2018). Bildung und Politik nach dem Spätkapitalismus. Hamburg: Argument.

Casale, R., Koller, H.-C. & Ricken, N. (2016). Das Pädagogische und das Politische. Zu einem Topos der Erziehungs- und Bildungsphilosophie. Paderborn: Schöningh.

Drees, G. (2016). Konsequenzlos kritisch. Traditionelle Probleme der (Erwachsenen-)Bildung mit der politischen Praxis. In K. Nierobisch, M. Rühle & H. Luckas (Hrsg.), Widerstände und Perspektiven. Kritische Zugänge zur Theorie der Bildung (S. 65–80). Baltmannsweiler: Schneider Verlag.

Ebner von Eschenbach, M. (2019). Relational Reframe. Einsatz einer relationalen Perspektive auf Migration in der Erwachsenenbildungsforschung. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Engel, N. (2019). Übersetzungskonflikte. Zu einer kritisch-kulturwissenschaftlichen Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 65 (5), 730–747.

Engel, N. (2020, i. E.). Wissensbegegnung. Zur Vermittlung von Wissen unter Bedingungen postglobaler Ver(un)sicherung. In C. Thompson & J. Zirfas (Hrsg.), Erziehungswirklichkeit in Zeiten von Angst und Verunsicherung. Weinheim: Beltz Juventa.<

Faulstich, P. & Zeuner, C. (2015). Ökonomisierung und Politisierung des Feldes der Erwachsenenbildung. Die Rolle der Wissenschaft. Erziehungswissenschaft, 50 (1), 25–36.

Faulstich, P. (2015). Renitente Subjekt – Alternativen zum Zerfall des Sozialkonsensus. Verfügbar unter http://denk-doch-mal.de/wp/peter-faulstich-renitente-subjekte-alternativen-zum-zerfalls-des-sozialkonsense/ [26.5.2020].

Faulstich, P. (2016). Das Politische in der Bildung. In K.-P. Hufer (Hrsg.). Handbuch politische Erwachsenenbildung (S. 52–61). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.

Forneck, H. J. & Wrana, D. (2005). Ein parzelliertes Feld. Eine Einführung in die Erwachsenenbildung. Bielefeld: Bertelsmann.

Holzer, D. (2017). Weiterbildungswiderstand. Eine kritische Theorie der Verweigerung. Bielefeld: Transcript.

Holzer, D. (2019). Das Politische in der Erwachsenenbildung. In A. Grotlüschen, S. Schmidt-Lauff, S. Schreiber-Barsch & C. Zeuner (Hrsg.), Das Politische in der Erwachsenenbildung (S. 17–26). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.

Kade, J., Nittel, D. & Seitter, W. (2007). Einführung in die Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Stuttgart: Kohlhammer.

Kessl, F. (2014). Ökonomisierung von Bildung und Erziehung: Von der Dynamisierung eines anhaltenden Prozesses durch TIPP. Verfügbar unter http://www.kritik-freihandelsabkommen.de/wp-content/uploads/2014/09/TTIP-Kessl.pdf [22.05.2020].

Lösch, B. (2020). Wie politisch darf und sollte Bildung sein? Die aktuelle Debatte um ‚politische Neutralität‘ aus Sicht einer kritisch-emanzipatorischen politischen Bildung. In C. Gärtner & J.-H. Herbst (Hrsg.), Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik. Diskurse zwischen Theologie, Pädagogik und Politischer Bildung (S. 383–402). Wiesbaden: VS Verlag.

Pongratz, L. (2010). Kritische Erwachsenenbildung. Analysen und Anstöße. Wiesbaden: VS Verlag.

Radtke, F.-O. (2015). Methodologischer Ökonomismus. Organische Experten im Erziehungssystem. Erziehungswissenschaft 50 (1), 7–16.

Ricken, N. (2011). Erkenntnispolitik und die Konstruktion pädagogischer Wirklichkeiten. Eine Einführung. In N. Ricken, R. Reichenbach & H.-C. Koller (Hrsg.), Erkenntnispolitik und die Konstruktion pädagogischer Wirklichkeit (S. 9–24). Paderborn: Schöningh.

Rosenberg, H. (2018). Diszipliniert und disziplinierend? Anschlüsse an die Debatte um das Selbstverständnis der Erwachsenenbildungswissenschaft. Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung 1 (1), S. 15–29.

Schäfer, A. & Thompson, C. (2013). Pädagogisierung – eine Einleitung. In A. Schäfer & C. Thompson (Hrsg.), Pädagogisierung (S. 7–25). Halle: Universitätsverlag.

Zeuner, C., Kessl, F. & Schmidt, K. (2015). Wie politisch ist die Erziehungswissenschaft? Erziehungswissenschaft 50 (1).

1 Vgl. auch die aktuellen Wittenberger Gespräche zum Thema Zur Problematisierung und Politik des pädagogischen Wissens (https://wittenberger-gespraeche.de/base.php?page=6&id=12, zuletzt abgerufen am 9.6.20).