Abstract Rödel, 3(2)

Themenbeitrag für Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung 2021 Jg. 3 Heft 2

(Erwachsenen-)Bildung in Zeiten rechtsgerichteter Metapolitik – Für eine Re-Politisierung der Erziehungswissenschaft und Erwachsenenbildungswissenschaft

von Severin Sales Rödel

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Wenn selbst konservative Politiker von einer „Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus […] in Deutschland“ (Seehofer, Süddeutsche Zeitung, 21.02.2020) sprechen, wird offiziell, was schon seit längerem in Öffentlichkeit und Wissenschaft diskutiert wurde, in Plenarsälen sichtbar und im Alltag spürbar war: Rechtes Denken ist (wieder) salonfähig und führt in Extremfällen zu tödlichen Gewalttaten. Dabei wird meist das Phänomen des Rechtspopulismus für ein Erstarken rechtsextremer Tendenzen verantwortlich gemacht (Séville 2019) und angenommen, dass sich Rechtspopulist*innen einer Strategie der Metapolitik bedienen, um zu mobilisieren (Müller 2017): Durch die Schaffung hegemonialer Figuren und Erzählungen (Laclau & Mouffe 2012) – wie etwa die des ‚großen Bevölkerungsaustauschs‘ – sollen politische Räume diskursiv geprägt und so Dispositionen für öffentliche Meinungsbildung, soziale Umgangsformen und reale politische Entscheidungen geschaffen werden.

Im Kontext solcher metapolitischen Strategien müssen auch jüngere Bemühungen rechter Akteur*innen gesehen werden, im Feld der (Erwachsenen-)Bildung bestimmte Begriffe im Diskurs zu positionieren und politisch begründete Denkfiguren pädagogisch auszulegen.1 Bildung und Bildungspraxis sind damit zu einem Resonanzraum rechter Ideologie geworden, mit dem Ziel, metapolitisch Entscheidungen des öffentlichen (und nichtöffentlichen) Bildungssektors zu beeinflussen.

Diese Entwicklung stellt eine neuartige Politisierung des Feldes der Bildung dar: Anders als z. B. die breit kritisierte (neoliberale) Politisierung der Erwachsenenbildung im Zuge des Lebenslangen Lernens (Faulstich & Zeuner 2015), die Pädagogisierung als Nexus von Bildung und Politik (Höhne 2004) oder die politische Indienstnahme der quantitativen Bildungsforschung (Bellmann 2015) ist die Politisierung im Kontext rechter Metapolitik nicht Nebenprodukt einer marktorientierten Wissenschaft oder spätmoderner Subjektivierungsprozesse, sondern gezieltes, antidemokratisches Programm. Hinzu kommt, dass die Politisierung nicht beiläufig erfolgt, sondern mit aggressiver Abwertung des jeweiligen bildungstheoretischen und -praktischen Status quo einhergeht (Baader 2020).

Dem steht eine weitgehend entpolitisierte Erwachsenenbildungswissenschaft (Zeuner 2018)2 gegenüber, der erprobte Antworten auf diese aktuellen Entwicklungen fehlen. So ist mit klassischen Ansätzen der Kritik (Hufer 2018; Klingovsky 2017; Pongratz 2005) nicht zu dekonstruieren, was aus erwachsenenpädagogischer Perspektive an rechten Positionen zum Thema Bildung haltlos scheint. Denn meist baut (erwachsenen-)pädagogische Kritik auf Rationalität, Diskursfähigkeit und politische Mündigkeit und damit auf Einsätze, die ins Leere laufen, da sie von Rechtspopulist*innen nicht als gemeinsamer Rahmen anerkannt werden (Bünger 2017, S. 35). Zudem widersprechen metapolitische Diskursstrategien jeder Kommunikationsgewohnheit der Wissenschaft, da sie Nachvollziehbarkeit durch Glaubwürdigkeit ersetzen und keinen Raum für Auseinandersetzungen, Selbstkritik oder eine „Beobachterperspektive zweiter Ordnung“ kennen (Schäfer 2019, S. 239/240).

Fragt man nun nach Strategien einer gezielten Re-Politisierung der Erwachsenenbildungswissenschaft, um diesen Entwicklungen die Stirn zu bieten, zeigt sich: Weder verfügt sie aktuell über das argumentative Grundgerüst – einen allgemeingültigen Rahmen der Kritik –, noch über die richtige Sprache – eine Kommunikationsform, die metapolitischen Strategien adäquat und öffentlichkeitswirksam begegnet.

Der Beitrag möchte zunächst drei Einsätze einer solchen Re-Politisierung entlang erkenntnispolitischer Überlegungen aus Perspektive der Allgemeinen Erziehungswissenschaft (AEW) vorschlagen und diese dann in einen produktiven Dialog mit den spezifischen Voraussetzungen erwachsenenpädagogischer Praxis und Theoriebildung bringen:

Vor dem Hintergrund des metapolitischen Shifts müsste der Raum der Politik und das Konzept der Öffentlichkeit (Bellmann 2012) neu justiert und – im Sinne eines neuen Positivismusstreits – die Rolle von (Erziehungs-)Wissenschaft in dieser Öffentlichkeit reflektiert und kommuniziert werden. Die Erziehungswissenschaft kann sich dann nicht auf eine beratende Funktion oder therapeutische Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen – z. B. durch die Konzeption einer ‚antirassistischen Pädagogik‘ – zurückziehen. Ihrer Rolle im öffentlichen Diskurs gerecht zu werden, hieße vielmehr, aktiv Strategien der ‚Verarbeitung‘ rechter Versuche, hegemoniale Erzählungen über Bildung zu etablieren, zu entwickeln.

Zudem ist erhöhte Sensibilität für den Modus der Kritik geboten, die nicht in o. g. ‚alte‘ Muster zurückfallen darf und im Sinne der Pluralität und Agonalität spätmoderner Werteordnungen entsprechend neu gedacht werden muss. Einen Ansatzpunkt bieten bspw. Konzepte der immanenten Kritik (Jaeggi 2014) oder der Gegenerzählung (Schuff und Seel 2016).

Eine solche Re-Politisierung (im Sinne einer neuen Form der Gestaltung von Öffentlichkeit und der Neujustierung kritischer Einsätze) kann nur gelingen, wenn Grundbegriffe und -konzepte auf ihre Politizität (Bünger 2013) hin befragt werden: Begriffe wie Bildung, Lernen, Mündigkeit, Teilhabe, Wissen, Biografie, Generation etc. müssen in ihren anthropologischen, sozialtheoretischen und genealogischen Strukturen aufgeschlüsselt werden, um selbstkritisch zu ermitteln, wo und warum es zu einer Umdeutung von Begriffen durch rechte politische Akteure kommen kann.

Was hier aus Perspektive der AEW vorgeschlagen wird, ist für die Erwachsenenbildungswissenschaft komplexer gelagert: Wo die AEW eine an Reflexionstheorien orientierte Arbeit an Grundbegriffen ist, nicht auf einen speziellen Gegenstandsbereich zielt (Thompson 2020) und daher in ihrer Relevanz für die Praxis beschränkt bleiben muss, ist die Erwachsenenbildungswissenschaft per se in verschiedene praktisch-politische Zusammenhänge eingebettet (Holzer 2018) und muss zwischen programmatischen Ansätzen und deren kritisch-analytischer Bearbeitung (Wittpoth 2013) vermitteln. Ebenso fordert die Rückbindung an konkrete Handlungsbereiche (sozial-)kritische Positionierungen, die auch praktisch nicht folgenlos bleiben (können) (Holzer 2018).

An diesen spezifischen Anforderungen der Erwachsenenbildung(-swissenschaft) müssten sich die hier vorgeschlagenen Einsätze der AEW messen, woraus umgekehrt produktive Irritationen für eine Theoriebildung in Bezug auf Erwachsenenbildung und Rechtspopulismus erwachsen könnten. Der Beitrag soll so als Diskussionsangebot und Suche nach Synergien fungieren: inhaltlich insofern als die These(n) der Politisierung des Feldes der Erwachsenenbildung durch rechte Akteur*innen und damit auch die Notwendigkeit einer Re-Politisierung erwachsenenpädagogischen Forschens (und Handelns?) zur Diskussion gestellt werden; disziplinpolitisch und öffentlichkeitstheoretisch insofern als nach einer produktiven Zusammenführung von Perspektiven der AEW und der Erwachsenenbildungswissenschaft und gemeinsamen Positionierungen im Angesicht eines drängenden gesellschaftlichen Problems gefragt wird.

Quellen

Andresen, S. (2018). Rechtspopulistische Narrative über Kindheit, Familie und Erziehung Zwischenergebnisse einer ‚wilden‘ Recherche. Zeitschrift für Pädagogik, 64 (6), 769–787.

Baader, M. (2020). Neue Rechte – „Umerziehung“, „Genderideologie“ und „Frühsexualisierung“ – Kampfbegriffe in einem neuen Kulturkampf. Erziehungswissenschaftliche Themen im Fokus von Populismus und Neuer Rechter. In U. Binder und J. Oelkers (Hrsg.), Das Ende der politischen Ordnungsvorstellungen des 20. Jahrhunderts. Erziehungswissenschaftliche Beobachtungen (S. 129–154). Wiesbaden: Springer VS.

Bellmann, J. (2012). Öffentlichkeit und universitäre Bildung. Überlegungen zu einer veränderten Verhältnisbestimmung. In C. Aubry, M. Geiss, V. Magyar-Haas & D. Miller (Hrsg.), Positionierungen. Zum Verhältnis von Wissenschaft, Pädagogik und Politik (S. 140–158). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Bellmann, J. (2015). Symptome der gleichzeitigen Politisierung und Entpolitisierung der Erziehungswissenschaft im Kontext datengetriebener Steuerung. Erziehungswissenschaft, 26 (50), 45–54.

Bünger, C. (2013). Die offene Frage der Mündigkeit. Studien zur Politizität der Bildung. Paderborn: Schöningh.

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Faulstich, P. & Zeuner, C. (2015). Ökonomisierung und Politisierung des Feldes der Erwachsenenbildung: Die Rolle der Wissenschaft. Erziehungswissenschaft, 50, 25–35.

Höhne, T. (2004). Pädagogisierung sozialer Machtverhältnisse. In E. Ribolits & J. Zuber (Hrsg.), Pädagogisierung (S. 30–44). Innsbruck: StudienVerlag.

Holzer, D. (2018). Das Politische in der Erwachsenenbildung. In A. Grotlüschen, S. Schmidt-Lauff, S. Schreiber-Barsch & C. Zeuner (Hrsg.), Das Politische in der Erwachsenenbildung (S. 17–26). Berlin: Wochenschau Verlag.

Hufer, K.-P. (2018). Politische Erwachsenenbildung/außerschulische Jugendbildung und Politikdidaktik: ein Auftrag, zwei Welten. In K.-P. Hufer, T. Oeftering & J. Oppermann (Hrsg.), Wo steht die außerschulische politische Jugend- und Erwachsenenbildung? (S. 14–31). Berlin: Wochenschau Verlag.

Jaeggi, R. (2014). Kritik von Lebensformen. Berlin: Suhrkamp.

Klingovsky, U. (2017). erwachsenenbildung macht kritik. Weiterbildung, 6, 28–31.

Laclau, E. & Mouffe, C. (2012). Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen-Verl.

Müller, J. (2017). Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin: Suhrkamp.

Patzelt, W. (2017). Rechte Bewegungen und ihre Bildungsbemühungen. “Bildung” und “Rechts”. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung, (2), 39–41.

Pongratz, L. (2005). Kritische Erwachsenenbildung. Erwachsenenbildung im Horizont zeitgenössischer Gesellschaftskritik. Report, 28 (1), 34–40.

Rödel, S. (2020). „Wir erziehen!“ – Stimmung, Pädagogik und Politik in einem Erziehungsratgeber der ‘neuen’ Rechten. Humboldt-Universität zu Berlin. Zugang via ResearchGate.

Schäfer, A. (2019). Ressentiment als Kritik? Annäherungen an ein problematisches Verhältnis. In R. Mayer & A. Schäfer (Hrsg.), Populismus – Aufklärung – Demokratie (S. 221–244). Baden-Baden: Nomos.

Schuff, J. & Seel, M. (2016). Einleitung: Erzählung, Rechtfertigung, Terror und Krieg im Kino. In J. Schuff & M. Seel (Hrsg.), Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts (S. 17–47). Frankfurt, New York: Campus Verlag.

Séville, A. (2019). Vom Sagbaren zum Machbaren? Rechtspopulistische Sprache und Gewalt. Aus Politik und Zeitgeschichte, 69 (49/50), 33–38.

Thompson, C. (2020). Allgemeine Erziehungswissenschaft. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

Wittpoth, J. (2013). Einführung in die Erwachsenenbildung. Opladen, Toronto: Budrich.

Zeuner, C. (2018). Die verloren gegangene politische Tradition der Erwachsenenbildung. In A. Grotlüschen, S. Schmidt-Lauff, S. Schreiber-Barsch & C. Zeuner (Hrsg.), Das Politische in der Erwachsenenbildung (S. 29–31). Berlin: Wochenschau Verlag.

1 Kritische Aufarbeitungen finden sich für den Bereich der Erwachsenen- und Jugendbildung (Patzelt 2017), für die völkische Umdeutung pädagogischer Grundbegriffe (Andresen 2018 und Baader 2020) sowie die Kommunikation rechter Erziehungsansätze (Rödel 2020).

2 Bellmann (2015) stellt diese Ent-Politisierung generell als Tendenz in den Erziehungswissenschaften fest. Im Folgenden steht die Erwachsenenbildungswissenschaft als Teildisziplin im Fokus, die Diagnose der Ent-Politisierung und der mangelnden Strategien der Re-Politisierung trifft ebenso auf andere Teildisziplinen (hier z. B. die Allgemeine Erziehungswissenschaft) zu.